geschätzte Lesezeit: 9 Minuten
Wie oft hast du schon versucht, dich runterzuholen? Eine Atemübung nach Anleitung, eine App auf dem Handy, noch ein Buch übers Nervensystem. Und wie oft sitzt du einfach da, legst eine warme Hand aufs Herz oder auf den Bauch und spürst, wie es gerade ist, ohne etwas Kompliziertes zu machen? Genau dort setzt traumasensible Begleitung an: bei der Frage, ob du in deiner Haut sein kannst, ohne dich jedes Mal ablenken zu müssen.
Klingt einfach. Für viele Frauen ist es das überhaupt nicht. Kaum wird es still, meldet sich etwas: ein Ziehen in der Brust, Unruhe in den Beinen, der Drang, schnell noch die Wäsche zu machen. Kann ich bei mir bleiben, ohne dass ich dafür einen Grund brauche? Und was mache ich, wenn es unangenehm wird und ich am liebsten aus der Haut fahren würde?
Viele, die zu mir kommen, kennen dazu noch ein zweites Muster: Sie funktionieren, bis die Batterie leer ist, erholen sich knapp, und dann geht alles von vorne los. Nach einer schweren Erkrankung wie Brustkrebs erleben das besonders viele Frauen. Die Behandlung ist abgeschlossen, alle sagen „jetzt kannst du nach vorne schauen“, und der Körper bleibt trotzdem auf Alarm.
Ich kenne das von innen. 2019 bekam ich die Diagnose Brustkrebs, mitten im Alltag mit vier kleinen Kindern. Heute bin ich zertifizierte NI-Coach für Neurosystemische Integration® (2024, Ausbildung bei Verena König) und Traumasensible NeuroEmbodiment Coach NESC® (2023).
In diesem Beitrag erfährst du, was traumasensible Begleitung und Nervensystemarbeit bedeuten, woran du ein Nervensystem im Daueralarm erkennst, wie eine Begleitung bei mir konkret abläuft und wo die Grenzen von Coaching liegen.
Was ist traumasensible Begleitung, und was heisst Nervensystemarbeit?
Traumasensible Begleitung, wie ich sie anbiete, ist Nervensystemarbeit: eine körperorientierte Begleitung, die dir hilft, aus alten Alarmmustern auszusteigen. Sie geht davon aus, dass belastende Erfahrungen auch im Körper gespeichert sind: als Anspannung, als Impuls, als Gedanke, der immer wieder anspringt, obwohl die Gefahr längst vorbei ist. Traumasensibel heisst dabei, dass du das Tempo bestimmst und wir in dem Bereich bleiben, in dem du noch handlungsfähig bist.
Das Wichtigste in Kürze:
– Traumasensible Nervensystemarbeit ist eine körperorientierte Begleitung, die dir hilft, aus alten Alarmmustern auszusteigen.
– Belastende Erfahrungen ohne Abschluss können dein Nervensystem lange wach halten, auch wenn die Gefahr längst vorbei ist.
– Viele Dinge sind unangenehm, aber nicht gefährlich, und genau diesen Unterschied übst du wieder zu spüren.
– Du bestimmst das Tempo, und wir bleiben in dem Bereich, in dem du handlungsfähig bleibst.
– Nicht jede Entspannungsübung tut gut: Manchmal hilft Bewegung mehr als stilles Sitzen.
– Ich arbeite mit Anteilen, Ressourcen und in Paketen von sechs Einheiten à 90 Minuten.
– Coaching ersetzt keine Psychotherapie und keine ärztliche Behandlung.
Viele Menschen haben in ihrem Leben Erfahrungen gemacht, die ihre Gesundheit, ihr Verhalten und ihre Beziehungen bis heute prägen. Selber einordnen können sie das oft nicht. Ein Trauma muss dabei kein spektakuläres Ereignis sein. Es reicht, dass etwas zu viel, zu schnell oder zu plötzlich war und du in dem Moment weder kämpfen noch flüchten konntest. Übrig bleibt ein Erlebnis ohne Abschluss, und genau das hält dein Nervensystem wach.
Ein traumatisches Erlebnis ist ein Ereignis, das die Fähigkeit des Nervensystems zur Bewältigung und Verarbeitung überfordert. Es trifft uns mit einer solchen Wucht und Intensität, dass wir uns davon überwältigt fühlen, oft verbunden mit Gefühlen von Hilflosigkeit, Ohnmacht und einer tiefen Bedrohung des Lebens.
Verena König
Damit eine Erfahrung das Potenzial hat, zum Trauma zu werden, muss sie genau in diese traumatische Zange geraten: zu viel, und kein Kämpfen, kein Fliehen, keine Hilfe möglich. Was dabei im Gehirn passiert, erkläre ich im Beitrag über Trauma und Gehirn.

Die gute Nachricht: Ein Nervensystem kann wieder gesund werden. Damit meine ich, dass es nicht mehr im chronischen Alarm hängen bleibt. Es darf sich weiterhin aufregen, erschrecken oder traurig sein, und es findet danach wieder zurück. Genau dieses Zurückfinden üben wir.
Woran merkst du, dass dein Nervensystem im Alarm feststeckt?
Ein Nervensystem im Daueralarm zeigt sich selten als grosses Drama. Viel öfter steckt es in kleinen, alltäglichen Momenten. Vielleicht erkennst du dich in einem dieser Beispiele wieder:
- Du kommst kaum zur Ruhe, auch wenn objektiv nichts los ist, und dein Kopf plant schon den nächsten Schritt.
- Ein Fehler fühlt sich an wie eine Katastrophe.
- Wenn dich jemand nicht versteht, musst du dich sofort erklären, rechtfertigen, alles richtigstellen.
- Du spürst die Erwartungen der anderen schneller als deine eigenen Bedürfnisse und richtest dich danach.
- Du funktionierst, bis gar nichts mehr geht, und fällst dann in die leere Batterie. Rückzug, Erschöpfung, nichts geht mehr.
- Nach Krebs wird jedes Ziehen zum Alarmsignal, und jeder Kontrolltermin ist ein kleiner Horror, lange bevor er überhaupt stattfindet.
Kennst du das? Dann ist nichts falsch mit dir. Dein Nervensystem hat gelernt aufzupassen, und es macht genau das, wozu es trainiert wurde.
Wichtig: Neue körperliche Beschwerden gehören immer zuerst zur Ärztin. Wenn sie abgeklärt sind und der Alarm trotzdem bleibt, lohnt sich der Blick aufs Nervensystem.
Unangenehm ist nicht gefährlich: Was heisst traumasensibel ganz praktisch?
Viele Dinge im Leben sind unangenehm. Gefährlich sind die wenigsten. Wenn etwas nicht klappt, ist das unangenehm. Wenn dich jemand nicht versteht, auch. Und trotzdem verknüpft unser Gehirn genau diese Momente mit Gefahr. Dann fühlt es sich an wie: Ich muss sofort etwas ändern. Ich muss alle Erwartungen erfüllen. Wenn ich etwas nicht sofort in Ordnung bringe, ist es schlimm. So entstehen die perfektionistischen, funktionierenden Muster, die so viele Frauen kennen.
Ähnlich ist es, wenn du gegen ein Stimmungstief oder die Erschöpfung ankämpfst: Das Kämpfen allein bringt dich selten raus.
In meiner Begleitung lernst du, diese beiden Dinge wieder auseinanderzuhalten. Dafür braucht es einen Rahmen, in dem du dich sicher genug fühlst. Meine Säulen dafür:
- Sicherheit zuerst: Wir arbeiten nur so tief, wie es sich für dich gerade sicher genug anfühlt, damit alte Wunden nicht einfach wieder aufreissen.
- Du bestimmst das Tempo. Es gibt keinen Plan, den du erfüllen musst.
- Wahlfreiheit: Du entscheidest, ob du die Augen schliesst, dich bewegst oder lieber einfach schaust.
- Wohlwollen statt Druck, auch dir selbst gegenüber.
- Verbindung: zu dir, zu deinem Körper, zu anderen Menschen und zur Natur. Trauma kann genau diese Verbindungen zerreissen, und über sie kommt auch das Gefühl von Sicherheit zurück.
Fachleute sprechen vom Toleranzfenster. Gemeint ist der Bereich, in dem du noch handlungsfähig bleibst, ohne zu explodieren oder innerlich abzuschalten. Das Modell stammt vom US-Psychiater Dan Siegel. Traumasensibel arbeiten heisst, in diesem Fenster zu bleiben und es Schritt für Schritt ein bisschen weiter werden zu lassen.

Warum Entspannungsübungen manchmal nicht guttun
Vielleicht hast du das schon erlebt: Im Yoga heisst es „Augen zu und tief atmen“, und statt ruhiger wirst du unruhiger. Damit bist du in guter Gesellschaft. Viele Menschen mögen weder die Augen schliessen noch eine tiefe Atemübung machen, gerade wenn es in ihnen ohnehin schon brodelt.
Wenn sehr viel Aktivierung im System ist, hilft ruhig sitzen wenig. Dem Körper fehlt dann die Bewegung, die er eigentlich machen will. Sich bewegen, die Schultern rollen, Arme und Beine abklopfen passt in solchen Momenten oft viel besser als stilles Sitzen. Traumasensibel heisst, dass du selbst herausfindest, was dir gerade guttut: Möchte ich den Blick weich stellen? Möchte ich mich lieber bewegen? Ist es gerade angenehm, die Augen zu schliessen, oder eben nicht?
Was es braucht, ist also nicht die fünfzigste Atemübung. Es braucht die Erlaubnis, auszuprobieren, was sich für dich heute stimmig anfühlt.
Wie läuft traumasensible Nervensystemarbeit bei mir ab?
Ich arbeite meistens online, in Einheiten von 90 Minuten. In Zürich biete ich die Arbeit vor allem draussen an, meistens bei Waldspaziergängen. Dort schauen wir, wie du dich in der Natur bewegst und wie es sich anfühlt, aus deinem gewohnten Sein herauszukommen.
So sieht der Weg aus:
- Kennenlerngespräch: 30 Minuten, unverbindlich, damit wir merken, ob es passt.
- Erstsession: Du lernst die Arbeit kennen und kannst danach in Ruhe entscheiden, ob du mit mir weitergehen möchtest. Wir klären, woran du arbeiten möchtest und woran du merkst, dass etwas besser wird.
- Paket mit sechs Einheiten à 90 Minuten: Hier arbeiten wir mit deinen Anteilen, in deinem Tempo.
Die meisten Frauen bleiben länger dabei. Sie kommen immer wieder, weil sie ein Thema wirklich festigen wollen, und das ist nachvollziehbar, wenn man aus Jahrzehnten anderer Bewältigungsstrategien kommt.
Was Anteilearbeit ist
Wenn in dir etwas anspringt, ist das nicht alles an dir. Es ist ein Anteil: ein Nervengeflecht, das mit Gedanken, Empfindungen, Erinnerungen und Impulsen verwoben ist. Oft liegt sein Ursprung weit hinten in deiner Geschichte, in einem Erlebnis, das dich überfordert hat und für das es damals keinen Ausweg gab. Manchmal stellen wir solche Anteile mit Symbolfiguren auf, damit sie greifbarer werden. Das können kleine Schleich-Tierchen sein, Wollkegel, Handschmeichler oder Bilder.
Sobald du merkst „das ist ein Anteil von mir“, entsteht ein kleiner Abstand. Und in diesem Abstand kannst du anders reagieren als bisher.
Ressourcen und den Fokus weiten
Im Alarm wird der Blick eng. Du hängst in der einen Situation fest, im „aber das ist doch wahr“. Ein Teil der Arbeit besteht darin, den Fokus wieder weiten zu üben und zu merken, wie viel mehr du heute als erwachsene Frau zur Verfügung hast. Du kannst warten. Du kannst etwas Unangenehmes aushalten. Du kannst stehen lassen, dass dich jemand nicht versteht, und dann merken: Es passiert gar nichts Schlimmes.
Was Traumaintegration (nicht) ist
Unser Gehirn bleibt ein Leben lang veränderbar, man spricht von Neuroplastizität. Erfahrungen bilden darin gewachsene Strukturen, starke Verbindungen zwischen Nervenzellen. Du kannst dir das wie Autobahnen vorstellen, an die wir neue Ausfahrten bauen, damit neue Wege entstehen, wie du wahrnimmst und reagierst.
Diese Strukturen sind vielschichtig. Sie bestehen aus inneren Bildern, Gedanken, Empfindungen, Bewertungen und Gefühlen und sind oft nur unbewusst zugänglich. In der Begleitung holen wir sie nach und nach ins Bewusstsein und fügen lose Fragmente zu einem stimmigen Ganzen zusammen.
Dazu gehört auch, mit Gefühlen in Kontakt zu kommen, die bisher zu unangenehm waren und deshalb vermieden wurden. Aber so sanft, dass sie dich nicht überschwemmen, sondern innerhalb deines Toleranzfensters gefühlt und verdaut werden können. Das Unangenehme darf fertig schwingen.

Starke Netzwerke im Gehirn lassen sich nicht einfach löschen oder überschreiben. Sie können aber ruhiger werden, wenn sie nicht mehr ständig aktiviert werden. Verletzungen aus der Vergangenheit lassen sich nicht rückgängig machen. Sie können aber so weit leiser werden, dass sie dich heute nicht mehr einschränken.
Ein Leben, das auf Überlebensstrategien gebaut ist, verändert sich nicht von heute auf morgen. Jeder Tag, an dem du etwas anders erlebst als vorher, zählt. Jeder Moment, in dem du aus einem emotionalen Strudel schneller aussteigst als gestern, ist ein Fortschritt.
Für wen passt das, und wann reicht Coaching nicht?
Traumasensible Nervensystemarbeit passt für dich, wenn du schon viel probiert hast, Mindset-Arbeit, Achtsamkeit, Sport, strenge Routinen, viel Wissen, und trotzdem in den immer gleichen Schleifen landest. Oft kommen Frauen zu mir, die trotz oder nach einer Erkrankung aus ihren alten Mustern aussteigen wollen. Sie wollen lernen, nicht bei jedem Nein zusammenzuzucken und ihre eigenen Bedürfnisse wieder nach vorne zu holen.
Was Coaching nicht ist: Es ersetzt keine Psychotherapie und keine ärztliche Behandlung. Ich stelle keine Diagnosen und behandle keine psychischen Erkrankungen.
- Wenn du gerade in Psychotherapie bist, besprich die Arbeit mit mir zuerst mit deiner Therapeutin. Viele Frauen kommen genau so begleitend dazu.
- Psychoonkologie unterstützt dich dabei, mit der Diagnose und der Behandlung zu leben. Bei mir geht es meistens um etwas anderes: um Muster, die oft viel älter sind als die Erkrankung.
- Wenn du in einer akuten Krise steckst, eine Depression dich festhält oder du nicht mehr weiterweisst, wende dich bitte an deine Ärztin oder an eine Psychotherapeutin.
Und dann ist da noch etwas ganz Persönliches: Es spielt eine grosse Rolle, mit wem du gerne arbeitest. Darum gibt es das Kennenlerngespräch.
Traumasensible Begleitung bei mir: So startest du
Wenn du beim Lesen gemerkt hast, dass du dich in vielem wiedererkennst, dann lade ich dich herzlich zu einem Kennenlerngespräch ein. Wir schauen gemeinsam, wo du gerade stehst und ob die Arbeit mit mir zu dir passt.
Heilung muss nicht schnell gehen, um zu wirken. Nimm dir die Zeit, dich selbst so wichtig zu nehmen, dass du ohne Druck, aber mit viel Selbstmitgefühl deinen Weg gehen kannst. Es ist nie zu spät.
Hat dir dieser Artikel gutgetan? Freitags schreibe ich einen Newsletter darüber, wie der Daueralarm nach einer schweren Erkrankung leiser wird und was dir wieder mehr Gelassenheit im Alltag schenkt.

Wichtigste Fragen und Antworten – FAQ
Traumasensibel heisst, mit dem Wissen zu arbeiten, wie belastende Erfahrungen deinen Körper, deine Wahrnehmung und dein Verhalten prägen können. In einer traumasensiblen Begleitung bestimmst du das Tempo, du hast Wahlmöglichkeiten, und wir bleiben in dem Bereich, in dem du dich sicher genug fühlst. Alte Geschichten müssen dafür nicht im Detail aufgerollt werden.
Traumatherapie ist eine psychotherapeutische Behandlung und gehört in die Hände von Psychotherapeutinnen. Traumasensibles Coaching begleitet dich dabei, im Alltag aus Alarmmustern auszusteigen, und arbeitet stabilisierend und körperorientiert. Wenn du schon in Therapie bist, sprich die Begleitung vorher mit deiner Therapeutin ab.
Nein. Viele Frauen kommen nicht mit einem grossen Ereignis, sondern mit dem Gefühl, ständig unter Strom zu stehen. Eine schwere Erkrankung, lange Phasen von Überforderung oder viele kleine Erlebnisse ohne Abschluss reichen, damit ein Nervensystem lernt, ständig aufzupassen.
Das ist sehr individuell. Viele merken schon nach den ersten Sitzungen kleine Unterschiede, zum Beispiel dass sie schneller wieder runterkommen. Muster, die über Jahrzehnte gewachsen sind, brauchen aber Zeit, deshalb arbeiten die meisten Frauen länger mit mir.
Hör auf dein Gefühl und lass sie weg. Probier stattdessen aus, ob dir Bewegung besser passt: Schultern rollen, Arme abklopfen, ein paar Schritte gehen. Auch eine warme Hand auf Bauch oder Herz, mit offenen Augen, kann ein guter Anfang sein.
Wenn du merkst, dass du dich trotz allem Wissen immer wieder in denselben Schleifen findest und der Alarm in dir einfach nicht leiser wird. Neue körperliche Beschwerden klärst du bitte zuerst ärztlich ab. Wenn du herausfinden möchtest, ob meine Begleitung zu dir passt, buch dir ein unverbindliches Erstgespräch.