Polyvagaltheorie: Mein Leitfaden für Anfänger

Polyvagaltheorie Leitfaden für Anfänger

Die Polyvagaltheorie ist jung und etwas sperrig zu erfassen. Wer liest schon neurowissenschaftliche Studien im Alltag, um sich selber besser zu verstehen? Trotzdem liefert sie ein wunderbares Fundament, um die Wirkung einer spirituelle Achtsamkeitspraxis auf unseren Alltag auf wissenschaftlich fundierte Füsse zu stellen. Hier gebe ich Dir einen Leitfaden für Anfänger zur Polyvagaltheorie an die Hand. In diesem Blogartikel erfährst Du, die Grundlagen der Polyvagaltheorie und warum die Arbeit mit dem eigenen Nervensystem so zentral ist, um das eigene Sein und Erleben auf neue, dem Leben zugewandte Füsse zu stellen.

Unsere angeborene Suche nach Sicherheit

Es war Dr. Stephen Porges, der in den 90er Jahren bei der Arbeit mit Frühgeborenen, eine biologische Ordnung in menschlichen Reaktionen feststellte. Diese biologisch vorhandene Ordnung ist in allen menschlichen Erfahrungen aktiv. Diese Beobachtung begründet die Polyvagaltheorie, die unser Nervensystem in den Fokus unseres Erlebens und Reagierens nimmt.

Wenn wir in diese Welt geboren werden, wohnt in uns allen der Wunsch «sich verbunden» zu fühlen. Schon mit dem ersten Atemzug startet unsere individuelle Reise, uns im eigenen Körper, in unserem Umfeld, der Welt und in unseren Beziehungen sicher und geborgen zu fühlen.

Es ist unser angelegtes, autonomes Nervensystem, das unsere Umgebung konstant auf Zeichen für Sicherheit bzw. Unsicherheit scannt. Dieses System ist immer auf Beobachtungsposten – es ruht nie und beantwortet ständig die ureigene Frage „Ist dieser Moment gerade sicher?“.

Signale für Sicherheit und Risiken werden erspürt

Unser autonomes Nervensystem hat die Aufgabe, unser Überleben zu sichern. Diese Aufgabe erfüllt unsere autonomes System, in dem es in jedem Moment Signale für Sicherheit oder Risiken im Körper, aber auch in der Verbindung zu anderen spürt.

Dieses Hinspüren und Hinhören unseres Nervensystems geschieht unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle und wird nicht von uns bewusst kontrolliert. Dr. Porges prägte den Begriff Neurozeption für diesen Prozess des Wahrnehmens. Neurozeption beschreibt unser Überwachungsprogramm, das unbewusst ständig Signale für Gefahren, Bedrohungen oder Sicherheit einfängt, ohne dabei unseren Verstand zu nutzen.

Unser Gehirn kreiert passend zu den empfangenen, wortlosen Signalen über die entsprechenden Körperempfindungen passende Geschichten und Gedanken, die unser Leben gestalten und in eine Richtung lenken.

Die Anatomie unseres autonome Nervensystems verstehen

Unser Nervensystem wird in zwei Zweige aufgeteilt, und zwar in einen sympathischen Ast als auch einen parasympathischen Ast. Unser autonomes Nervensystem antwortet innerhalb dreier Reaktionswege, die alle drei durch sehr prägnante Antwortmuster charakterisiert werden. Jedes Antwortmuster basiert auf dem Impuls, unser Überleben zu sichern.

Grob gesprochen ist unser sympathische Ast des Nervensystems für die Mobilisierung von Aktivität verantwortlich und stellt sicher, dass wir aktiv werden können. Er verläuft im mittleren Abschnitt unserer Wirbelsäule entlang. Dieser sympathische Ast wird via Signale von Gefahr aktiviert und löst die Abgabe von Adrenalin aus, die eine Kampf- oder Fluchtreaktion ermöglicht.

2 weitere Nervenbahnwege befinden sich in unserem Vagusnerv. Der Vagusnerv ist unser X (10ter) Hirnnerv und verläuft paarig in unserem Körper. Er verästelt sich in einen dorsalen (Rücken-) und einen ventralen (Bauch-) Ast und wird landläufig mit dem Parasympatikus gleichgesetzt. Vagus heisst übersetzt «der Wanderer», was schon viel über ihn selber erzählt. Vom Gehirnstamm an der Schädelbasis aus, ästet der Vagusnerv in 2 Richtungen: abwärts über die Lunge, das Herz, das Zwerchfell und den Magen und nach oben, um sich mit den Nerven der Nackenmuskulatur, der Kehle, den Augen und den Ohren zu vernetzen.

Polyvagaltheorie Leitfaden für Anfänger
Unser Vagusnerv ist der längste Hirnnerv und verästelt sich nach oben und nach unten

Dieser x Hirnnerv, unser Vagus, teilt sich in 2 Teile: in den ventralen Ast und den dorsalen Ast.

Der ventrale Pfad antwortet auf Signale von Sicherheit und unterstützt dabei Gefühle von Verbundenheit in sozialen Beziehungen und Sicherheit im Leben und Alltag.

Im Gegensatz dazu antwortet der dorsale Vaguspfad auf Signale von Unsicherheit und Gefahr. Ist er aktiviert ziehen wir uns zurück, vermeiden Verbindung mit anderen, werden wir unbewusster und begeben uns in eine Shutdown Schutzreaktion. Gefühle wie erstarrt sein, taub fühlen, nicht wirklich anwesend sein, zeigen uns, dass unser dorsale Vaguszustand die Kontrolle übernommen hat.

Die Seins-Zustandshierarchie im Nervensystem

Unser autonomes Nervensystem reagiert entlang einer Antworthierarchie. Diese Hierarchie innerhalb unserer Reaktionen auf Ereignisse im Leben lässt sich entwicklungsgeschichtlich erklären.

Unseres dorsal Vagusast steuert unsere Totstell-Reaktion bzw. unsere Immobilisierung-Reaktion und ist entwicklungstechnisch der älteste autonome Nervensystemanteil. Ihn teilen wir mit unseren Wirbeltier Vorfahren.

Als Zweites entstand unser sympathische Anteil des autonomen Nervensystems, das unsere Mobilisierung aktiviert. Er ermöglicht uns Kampf und Fluchtreaktionen, zentral, um in der Konfrontation mit dem Säbelzahntiger unser Überleben zu sichern.

Die jüngste Ergänzung unseres parasympathischen Nervensystems teilen wir mit allen Säugetieren. Es handelt sich um den ventralen Ast des Vagusnervs, der unser soziales Engagement und Verbindungsmuster begründet.

Polyvagaltheorie Leitfaden für Anfänger
Unsere Antworten auf Ereignisse im aussen folgen einer Reaktionshierarchie

Im Idealfall sind wir fest verankert in unserem ventralen Vaguszustand. In diesem Zustand fühlen wir uns sicher und verbunden, ruhig und sozial offen. Wir haben Zugriff auf unseren sympathischen Ast, wenn wir etwas Mobilisierung wie zum Beispiel für Sport oder Hausarbeit brauchen. Unser dorsale Vagus kümmert sich um die Verdauung, Regeneration und Entgiftung im Hintergrund und unser Immunsystem bleibt voll funktionstüchtig. Unser Seins-Zustand ist im Gleichgewicht. Wir erleben unseren Alltag als sicher und voller Möglichkeiten.

Ein Gefahrensignal (via Neurozeption) kann uns aus dem ventralen Zustand herauskatapultieren und uns der Evolutionszeitschiene entlang in den rein sympathischen Seins-Zustand bringen. In diesem Zustand sind wir mobilisiert. Das heisst unser Blut verlässt unseren Frontallappen und fliesst in die Muskeln, der Atem wird schneller und flacher, unser Herz schlägt schneller, Adrenalin, Cortisol werden ausgeschüttet usw. Wir sind parat zu handeln – in erster Linie um zu kämpfen oder zu flüchten.

Handeln kann uns wieder zurück in den ventralen Seins-Zustand von Sicherheit und sozialer Zugewandtheit bringen. Fühlen wir uns aber wie gefangen in einer Situation, der wir nicht entkommen können, schaltet sich unser prähistorisch begründete, dorsaler Seins-Zustand ein. Wir flüchten in den Shutdown, immobilisieren unser Sein und sind im Überlebens-Modus.

Dieser dorsale Überlebenszustand wird sehr schmerzhaft erlebt. Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit und Resignation greifen um sich. Sind wir einmal in diesem Zustand, ist der Weg zurück in den ventralen, sicheren Seins-Zustand mühsam und lange.

Die autonome Leiter der Regeneration oder die Vagale Leiter

Hier eine Veranschaulichung unseres autonomen Nervensystems als Menschen auf einer Leiter hilft unseren alltäglichen Erfahrungen besser zu verstehen. Schau Dir diese Grafik einfach neugierig an und versuche zu ergründen, was wir beim Bewegen zwischen den Seins-Zuständen erleben?

Unser Nervensystemzustand funktioniert wie eine Leiter, die einer festen Hierarchie folgt bei Signalen von Gefahr oder Sicherheit, die wir unbewusst via Neurozeption wahrnehmen

Die oberste Sprosse unseres Seins-Zustands im Nervensystem

Wie würde sich sicher und geborgen anfühlen? Starke, aber zärtliche Arme? Umarmt, begleitet von Tränen und Lachen? Frei zu teilen, zu bleiben oder zu gehen?

Aus Dana Deb, Die Polyvagaltheorie in der Therapie

Unser Gefühl von Sicherheit und Verbindung entwickelte sich als Teil unseres Nervensystems in der jüngsten Stufe unserer Evolution. Wir engagieren uns sozial, gehen auf Menschen und das Leben, wenn unser ventral-vagale Ast des Parasympathikus aktiv ist. In diesem Seins-Zustand ist unser Herzschlag ruhig und gleichmässig, unser Atem ist tief, wir sehen die Gesichter von Freunden und wir hören freundliche Unterhaltungstöne lauter und drehen unangenehme Geräusche leiser. Wir sehen das «grössere Bild» und verbinden uns mit der Welt und den Menschen in ihr.

In diesem Zustand beschreibst Du Dich selber vielleicht als glücklich, aktiv, interessiert und die Welt als sicher, warm und friedlich.

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Frei, sicher und dem Leben zugewandt – so fühlt sich unser ventral-vagale Nervensystem Zustand an

In diesem Zustand auf der obersten Stufe der autonomen Leiter unseres Nervensystems fühlst Du Dich verbunden mit Deinen Erfahrungen im Leben und suchst Unterstützung bei anderen, falls nötig.

In diesem Seins-Zustand erlebst Du Dich selber zum Beispiel als organisiert, fähig eigene Pläne umzusetzen, Dich um Dich selber zu kümmern und Dir Zeit für spielerische Dinge zu nehmen. Du hast Lust auf Unternehmungen mit anderen, fühlst Dich produktiv und erlebst ein Gefühl von Regulation und innerer Klarheit und Führung.

Körperlich empfindest Du in diesem Zustand Wohlbefinden. Deine Gesundheit erfreut sich eines starken Herz, gesunden Blutdruck, starken Immunsystem und wenig Anfälligkeit für Krankheiten, Verdauungsproblemen oder Schlafmangel.

Die Leiter im Seins-Zustand hinuntersteigen

Die Angst flüstert mir ins Ohr und ich spüre die Kraft ihrer Geschichte. Beweg Dich, unternehme etwas, entkomme! Traue niemanden! Das ist kein sicherer Ort!

Aus Dana Deb, Die Polyvagaltheorie in der Therapie

Der sympathische Ast unseres autonomen Nervensystems aktiviert sich, wenn unsere Neurozeption Gefahr wahrnimmt und wir uns unwohl anfangen zu fühlen. Wir werden mobilisiert und sind parat zu handeln. In diesem Zustand sind wir fähig zu kämpfen oder zu fliehen.

In diesem Seins-Zustand beschleunigt sich unser Herzschlag, unser Atem wird kürzer und ober flächiger und wir scannen unsere Umgebung auf Indikatoren für Gefahr. Wir sind in Bewegung.

Du beschreibst Dich vielleicht selber als ängstlich oder wütend. Der Anstieg an Adrenalin im Blut macht es Dir schwer, nichts zu machen. Du bist hellhöriger für Gefahrenlärm und blendest freundliche Stimmen eher aus. Du empfindest die Welt gefährlich, unberechenbar, unfreundlich und auch chaotisch.

Polyvagaltheorie Leitfaden für Anfänger
Alarmiert, mobilisiert und auf Gefahren fokussiert – so fühlt es sich an, wenn unser sympathische Nervensystem Zustand die Führung übernimmt

Auf dieser Ebene der sympathischen Mobilisierung glaubst Du am ehesten „die Welt ist ein gefährlicher Ort und ich muss mich selber vor Schmerz schützen“. Diese tiefere Ebene unseres Daseinszustandes auf der Leiter unseres Nervensystems katapultiert uns aus Evolutionssicht eine Stufe zurück.

Im Alltag erlebst Du in diesem Zustand Angstwellen oder sogar Panikgefühle, Wut und Schwierigkeiten einen Vorsatz umzusetzen. Ausserdem empfinden wir Beziehungen im mobilisierten Zustand eher als belastend.

Gesundheitliche Symptome, wenn dieser Seins-Zustand chronisch wird, können sein: Schlafprobleme, hoher Blutdruck, hohe Cholesterinwerte, Herzprobleme, Gewichtszunahme, Gedächtnislücken, chronische Nacken und Schulterverspannungen, ständiges Kopfschmerzen, Verdauungsprobleme und Anfälligkeit für Krankheiten.

Die unterste Sprosse im Seins-Zustand unseres Nervensystems

Unser ältester Seinszustand bei erlebter Gefahr und Bedrohung befindet sich am unteren Ende unser Nervensystem Reaktionsleiter. Für unser autonomes Nervensystem ist dieser älteste parasympathische Ast (dorsal-vagal), die letzte Karte, die es spielt, wenn alles andere gescheitert scheint und wir uns ausweglos gefangen fühlen.

Der primitive Vagusast übernimmt, wenn jede Handlung unmöglich scheint. Er katapultiert uns in die Resignation, in den Shutdown oder Kollaps und wir scheinen im eigenen Körper gar nicht mehr zu Hause zu sein (Dissoziation).

Polyvagaltheorie Leitfaden für Anfänger
Innerlich tot, unfähig etwas zu verändern – so fühlt es sich an, wenn unser dorsal-vagale Nervensystem Zustand die Führung übernommen hat

Auf dieser untersten Stufe der vagalen Leiter, fühlst Du Dich alleine und verlassen, Hoffnungslosigkeit und Ausweglosigkeit regiert und Du fühlst Dich fast wie gar nicht da.

Vielleicht beschreibst Du Dich mit Worten wie «neblig, hoffnungslos, verlassen, zu müde zu denken in einer dunklen, kalten, gefährlichen Welt».

Auf dieser frühesten Entwicklungsstufe unseres Seins bei Gefahr kapseln sich Körper und Geist ab und Du fühlst Dich verloren, ohne je gefunden zu werden.

Im Alltag erlebst Du in diesem Zustand Dissoziation, Gedächtnisverlust, Depression, Isolation und kaum Energie für die kleinsten, täglichen Aufgaben.

Gesundheitliche Symptome im chronischen dorsal-vagalen Shutdown können sein: chronische Müdigkeit, Fibromyalgie, Magenprobleme, tiefer Blutdruck, Diabetes Typ 2 oder Gewichtszunahme.

Unser tägliches Auf und ab auf der Leiter unseres Nervensystems

Wir können uns auch täglich zwischen den verschiedenen Seins-Zuständen (ventral-vagal, sympathisch oder dorsal-vagal) hin und her bewegen. Am wohlsten ist allen Menschen auf der obersten Sprosse der vagalen Leiter.

Im ventral-vagalen Zustand fühlen wir uns sicher, voller Hoffnungen, ausreichender Mittel zum Ziel und in einem Leben voller Möglichkeiten. Wir leben präsent, lieben und lachen mit anderen und einfach über uns selber. Auch in diesem Zustand ist unser Leben voller Herausforderungen und unerwarteter Entwicklungen. Aber in diesem inneren, verbundenen Zustand empfinden wir das Auf und Ab des Lebens als spannend, suchen nach Lösungen und empfinden positiven Stress bei persönlichen Wachstum- und Entwicklungsschritten.

Beispiele für die Bewegungen auf unserer vagalen Leiter aus dem Alltag

Alltagsgeschichte 1

Ich bin im Garten und jäte ein bisschen Unkraut in meinen Blumenbeeten. Ich freue mich über die Sonne, über den Frieden, gerade Zeit zu haben und über die Rosen, die gerade blühen. Ich spüre die vielen wunderbaren Aspekte meines Lebens fast körperlich (ventral-vagal Zustand, oberste Stufe der vagalen Leiter). Ich weiss nicht genau, wo meine 2 jüngsten Kinder mit Freunden gerade spielen. Ich habe die letzte halbe Stunde keinen von ihnen gehört oder gesehen.

Plötzlich höre ich das Martinshorn in der Parallelstrasse. Mein Herz schlägt sofort schneller, ich höre die Sirene überdeutlich – bleibt sie in der Nähe von uns stehen? Ist meinen Jungs etwas passiert als ihr Ball auf die Strasse rollte? Hätte ich mich mehr kümmern müssen, wo meine Jungs gerade spielen?

Habe ich ihnen oft genug gesagt, dass sie dem Ball nie nachspringen sollen? (ich steige runter in den sympathischen, mobilisierenden Ast meines Nervensystems). Da höre ich plötzlich meine Jungs mit Freunden lachen und von unten am See zurückkommen. Mein Herzschlag wird wieder ruhig und ich mache den Jungs was zum Trinken und bringe Obst, bevor ich im Garten weiterarbeite. (zurück in den ventralen Vagus Zustand)

Alltagsgeschichte 2

Ich treffe mich mit anderen Müttern aus der Klasse meiner Kinder. Wir treffen uns seit langem wieder unten am See und bestellen uns einen Aperitif zum Anstossen. Die Stimmung ist ausgelassen, offen und voller Geschichten (ventral-vagal, oberste Sprosse, verbunden fühlen mit anderen).

Einige Mütter erzählen gerade, wie sie bald 1 Woche ohne Kinder einen Städtetrip planen, da die Kinder eine Woche bei den Schwiegereltern verbringen können. Ich spüre sofort diesen Schmerz, nie Hilfe von meiner Familie bei den Kindern zu bekommen. Ich spüre Neid, als die andere Mutter erzählt, dass sie sich eine Ferienwohnung in den Bergen gekauft haben. Haben sie nicht schon eine Wohnung am Meer? Woher haben die alle soviel Geld auf der Seite, um all diese Investitionen einfach zu machen? Ich bin schon froh, zahlen wir alle Rechnungen rechtzeitig und gehen wir mit allen Kindern einmal im Jahr eine Woche Schifahren. (ich wandere die vagale Leiter hinunter).

Ich ziehe mich aus der Unterhaltung zurück und beobachte die anderen Frauen, wie sie über Ferienwohnungen und kinderfreie Wochenenden sprechen. Ich klinke mich aus dem Gespräch aus und fühle mich wie von einem anderen Stern, mit meinen Alltagssorgen (Rückzug, unterste Stufe der vagalen Leiter). Die Frauen bemerken meine Stille im Gespräch gar nicht, und ich fühle mich als Fremdkörper in der Gruppe. Am Ende des Abends bin ich froh wieder zu Hause zu sein und ins Bett zu fallen. Am nächsten Tag würde ich am liebsten im Bett bleiben, aber im Büro wartet Arbeit und ich kann ja nicht einfach liegen bleiben.

Ich nerve mich über die anstehende Arbeit im Büro und stehe auf (Ärger gibt mir Energie und lässt mich die vagale Leiter wieder etwas emporsteigen, mobilisiert). Meine Kinder machen eine Bemerkung, dass ich sowieso den ganzen Tag freihabe, wenn sie in der Schule sind und mein Mann wird unwirsch, weil er mit dem Geschirrspüler helfen muss bevor er ins Büro. Ich werde laut, weil hier anscheinend alle das Gefühl haben, ich sei ihre Bedienstete (ich krabble meine vagale Leiter weiter hoch durch diese mobilisierende Energie meiner Wut innerhalb des sympathischen Zustands).

Ich bekomme ein unerwartetes, herzliches Testimonial von einer Kundin und mein Business Buddy schlägt mir eine Idee für ein Gruppencoaching vor. Ich diskutiere meinen Traum eine Gruppe für Selbstheilungsimpulse zu leiten, in der Menschen sich selber lernen zu unterstützen und Frieden mit alten Mustern und Prägungen lernen zu finden.

Ich stelle mir vor, wie dieses Programm so viel Freude und Heilung im Leben vieler Menschen bringt. Ich spüre, wie sinnvoll mein Business ist und wie viel Wachstum damit möglich sein wird. Ich spüre eine Zukunft, in der ich mir Hilfe bei der Kinderbetreuung selber leisten kann, in der ich meinen Kindern regelmässiger tolle Ferienerlebnisse und fremde Orte zeigen kann (zurück auf der ventral-vagalen Stufe).

Die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Systeme im Nervensystem

Wenn alle 3 Äste unseres Nervensystems zusammenarbeiten, empfinden wir Wohlbefinden und Frieden im eigenen Sein.

Der dorsal-vagale Ast kümmert sich um die autonomen Verdauungsprozesse und unsere Grundbedürfnisse wie schlafen oder regenerieren. Dieses System läuft konstant im Hintergrund und hält unseren Körper gesund und lebendig. Wir bemerken dieses System nur, wenn es fehlerhaft läuft (unsere Verdauung hapert oder wir Schmerzen oder Unwohlsein bemerken). Solange es gut und fehlerfrei läuft, arbeitet es für uns völlig im Hintergrund und unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle.

Aber fehlt der ventral-vagale Ast laufen unsere Lebensfunktionen als wäre niemand zu Hause, wir sind am Leben, aber ohne unsere bewusste Teilnahme. Oder wir sind da, aber unser Leben bietet uns keine Geborgenheit oder Sicherheit. Alles ist runterreguliert auf die schwächste, unbedingt notwendige Aktivität. Unser Leben gleicht einem Haus, in dem einfach das Minimum an Luft zirkuliert und die Leitungen warm genug sind, um nicht einzufrieren. Unsere Umwelt lässt uns gerade genug Raum, um zu überleben.

Unseren sympathischen Ast können wir uns bei der Analogie von einem Zuhause als Überwachungssystem vorstellen. Es hat viele Facetten und kann auf Notfälle reagieren. Dieses System ist so angelegt, dass es innerhalb Millisekunden, unmittelbar reagieren kann, falls notwendig und ansonsten im Standby Mode wartet. Ohne den ventral-vagalen Ast würde dieses System im Daueralarm stecken bleiben und wir würden ständig den Einbruchs Alarm hören.

Unser ventral-vagaler Ast erlaubt es uns, unser Zuhause zu geniessen. Wir können unser Zuhause (aka unser Alltagsleben) geniessen, wir nutzen es, um uns zu erholen und unsere Batterien aufzuladen und geniessen es als Ort, um Freunde und Familie zu treffen. Im Alltag bleibt unser Herzschlag ruhig und regelmässig, unsere lebenswichtigen Körperprozesse laufen im Hintergrund, wir vertrauen unsere inneren Alarmanlage, unser Umfeld für unsere Sicherheit im Auge zu halten.

Nur wenn alle 3 Systeme ineinandergreifen, können wir mitfühlend auf andere zugehen, bleiben wir neugierig auf die Welt und verbinden und emotional und physisch mit anderen Menschen.

Dana Debt, 2018 Die Polyvagaltheorie in der Therapie

Anwendung im eigenen Leben

Wenn Du beginnst, Deine eigenen Reaktionen und Gefühle als Antworten des eigenen Nervensystems zu verstehen, das Dich sicher und lebendig halten will, kannst Du Freundschaft mit Deinem Nervensystem schliessen. Indem Du die Präsenz Deines autonomen Nervensystems einfach wahrnimmst, kannst Du üben, Deine Reaktionsmuster, Gefühle und Empfindungen im Körper kennenzulernen, in dem Du sie einfach beobachtest ohne zu verurteilen. Aufgrund Deiner früheren Erlebnisse und Erfahrungen macht Dein Nervensystem einfach etwas, was es als überlebenswichtig kennengelernt hat – es ist vielleicht einfach aus der Zeit gefallen und braucht ein Update.

Deine freundschaftliche Zuwendung bzw. Präsenz Deinem Seins-Zustand und den dazugehörigen Nervensystemreaktionen hilft Dir Praktiken zu entwickeln, die den Tonus Deines Nervensystems verändern. Wir können lernen, nicht mehr im Dauerkampf zu verharren oder im Shutdown zu verzweifeln, in dem unser Nervensystem mehr Sicherheit und Verbindung im Jetzt erlebt.

Unser Nervensystem kommuniziert über Empfindungen in unserem Körper. Unser Gehirn macht Geschichten aus diesen Empfindungen, die unsere sehr persönliche Geschichte widerspiegeln. In dem Du Präsenz im Hier und Jetzt zu Deinen Empfindungen aufnimmst, kann Dein Nervensystem Sicherheitssignale wahrnehmen. Durch regelmässige Präsenz verändert sich der Tonus unseres Nervensystems, wir können es nähren und Erfahrungen integrieren. Dadurch wird unsere persönliches Toleranzfenster dem Auf und Ab des Lebens gegenüber weiter und stabiler.

Mein Dauerstress wurde durch meine Achtsamkeitspraxis meine Gefühle zu spüren, Zeit einfach zu atmen und die Natur um mich wahrzunehmen, meine Füsse fest am Boden zu spüren gewandelt. Ich fürchte andere Menschen weniger und ich empfinde mein Leben viel weniger anstrengend.

Weiterführende Links zur Arbeit mit Deinem Nervensystem

Weiterführende Blogposts zur Polyvagaltheorie

10 Anzeichen für ein dysreguliertes Nervensystem

Neurozeption – ein wichtiger Leitbegriff, um die eigenen emotionalen Reaktionen zu verstehen und zu verändern

4 Fragen für ventral-vagale Anker im Alltag: oder wie Du mehr Sicherheit und Verbundenheit im Jetzt erlebst

Achtsamkeitsübung: Klanglandschaften erkunden – für mehr innere Sicherheit im Alltag

Gefühle versus Emotionen: hier erkläre ich Dir den Unterschied

Warum es keine negative Emotionen gibt

Mit Emotionen heilsam umgehen: Eine Anleitung für den Alltag

Lerntafel Selbsthilfe bei Überforderung

Hier eine kleine Infotafel, wie Du Dich im Alltag Nervensystem freundlich bei Überforderung unterstützen kannst.

P.S.: Dieser Leitfaden zur Polyvagaltheorie entstand als Artikel im Rahmen der Blog-Dekade 2022 veröffentlicht. Das ist eine Challenge, an der viele Bloggerinnen aus der Content Society teilnehmen. Bis zu zehn Blog-Artikel in zehn Tagen können dabei entstehen. Hört sich mutig und frei an? Finde ich auch! Und deswegen bin ich dabei.

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2 Antworten

  1. Liebe Getrud,
    das ist ja eine richtige Fortbildung über die Polivagaltheorie. Vielen Dank. Und deine Seite ist so angenehm für mein Auge, so sanft.
    Ich bin schon in das Wissen übers Nervensystem verliebt – weil es mein eigenes Leben verändert hat. Und ich wünsche dir, dass du das Leben von ganz vielen anderen transformieren darfst.
    Viele Grüße aus Spanien

    1. Liebe Shivani – Dein Kommentar tut gut – es war gar nicht so einfach mein Wissen über unser Nervensystem einfach herunterzubrechen. Mir geht es so wie Dir: ich hoffe, so viele Menschen wie möglich lernen ihr Nervensystem kennen und beginnen, sich selber mehr Sicherheit und Verbundenheit im Jetzt zu schenken. Geniess Spanien Liebe Grüsse Gertrud

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