Das Lebensflussmodell als Erklärung für Stress und traumatischen Stress

Lebensflussmodell bei Stress und Trauma

geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Es gibt viele Bilder, wie wir uns kognitiv die verschiedenen Nervensystemzustände vorstellen können. Ich verwende selbst mehrere und hab auch einige schon hier auf meinem Blog erklärt. Du kannst Dir Deine Zustände wie eine Leiter vorstellen. Dieses Modell prägte Deb Dana und ich habe es hier erklärt. Oder Du erkundest Deine Nervensystemzustände in einer Berglandschaft. Diese Landkarte nutze ich selbst, um die persönliche Sprache des eigenen Nervensystems anhand eines Bildes erarbeiten zu können.

Ein schönes Bild kommt aber von Woltemade Hartman, dem Begründer der «Ego-State-Therapie». Er hat basierend auf Peter Levine und Stephen Porges das Bild des Lebensflusses gezeichnet, um die Zustände von Stress und traumatischen Stress in unserem Nervensystem zu erklären.

Lebensenergie im Fluss

Stell Dir Dein Leben als Fluss vor. Das Bild «im Fluss» zu sein, hast Du vielleicht sogar im Kopf, wenn Du Dir vorstellst, wie sich Dein Leben idealerweise anfühlt.

Deine Lebensenergie, Deine Lebenszeit und Deine Persönlichkeit fliesst innerhalb starker Ufergrenzen. Das Ufer markiert Deine gesunden Grenzen.

Das Flussbett ist stark gehalten von Deinen Uferrändern, der Abstand zwischen den beiden Ufern markiert Dein Stress-Toleranzfenster, Deine Resilienz und Deine Ich-Stärke.

Innerhalb dieser sicheren Ufergrenzen fliesst Dein Leben. Dein Lebensfluss kennt Anspannung und Erregung, aber auch Entspannung und Ruhe.

Lebensflussmodell bei Stress und Trauma
Nervensystemzustand innerhalb starker Ufergrenzen – Leben im regulierten Zustand

Du kannst Dir das wie kleine Wellenbewegungen vorstellen, manchmal geht es den Wellenberg hoch. Dafür nutzt Du Deine sympathische Energie. Und dann geht es auch das Wellental hinunter, dafür schaltest Du in den parasympathischen Teil Deines vegetativen Systems. All das passiert autonom, also ohne Deine willentliche Steuerung.

Stresstoleranzfenster und Lebensfluss
Alternative Darstellung des Lebensflusses innerhalb des Stress-Toleranzfensters

Du fühlst Dich auch bei Herausforderungen sicher und getragen vom Leben, den Menschen um Dich und Deiner Umwelt.

Dein Lebensfluss fliesst innerhalb der Ufergrenzen, in seinem Tempo, vorwärts und ungehindert, solange Deine Neurozeption Sicherheit meldet.

Kleine Ressourcenwirbel halten Deinen Fluss des Lebens lebendig. Diese kleinen Wirbel sorgen für Spiel, Bewegung und Lebendigkeit in Deinem Lebensfluss und sorgen dafür, dass Dein Fluss (Dein Leben) gesund, lebhaft und fliessend bleibt. In diesem Fluss gibt es einen rhythmischen wechsel zwischen sympathischer (Anspannung und Erregung) und parasympathischer (Rest & Digest) Energie.

Dabei entstehen:

  • Flow
  • Containment
  • Kohärenz
  • Selbstwirksamkeit
  • Selbstfürsorge
  • Selbstregulation
  • Verbundenheit

Also alles Eigenschaften, die wir so oft suchen und nicht wissen, wie schaffen. Voraussetzung dafür ist ein Nervensystem, das sich kräftig gehalten fühlt von seinen Grenzen und lebendige Ressourcenwirbel, den den Fluss vorwärts und lebendig fliessen lassen. Dieses Nervensystem bezeichnen wir als reguliert.

Stress erklärt im Lebensflussmodell

Trotzdem gibt es Ereignisse, die Stress bedeuten, in unserem Leben, die das Wasser über die Ufergrenzen hinausfliessen lassen. Unser Fluss tritt temporär über sein Ufer, aber die kleinen Ressourcenwirbel im Flussbett helfen dabei, das Wasser wieder ins Flussbett zu ziehen.

Deine beiden Flussufer bedeuten zwei unterschiedliche Schutzmuster: Tritt das Wasser über das obere Ufer, greift die sympathische Energie von Kampf oder Flucht. Beim unteren Ufer schützt Du Dich mit Rückzug und Ruhe.

Lebensflussmodell bei Stress und Trauma
Lebensflussmodell bei Stress

Vielleicht erinnerst Du Dich an eine Situation im Büro, in der ein Konflikt mit einer Kollegin oder Vorgesetzten zu viel innerer Anspannung und Unruhe führte (Stress). Anstatt brüllend Deine Kündigung auf den Tisch zu knallen (Aggression, Kampf und Flucht), fiel Dir vielleicht ein, kurz raus an die frische Luft zu gehen.

Dort bist Du ziemlich schnell (sympathische Energie) und aktiv um den See oder entlang eines Waldweges (Ressourcenwirbel) gelaufen. Danach fühltest Du Dich wieder ruhiger und Deine Energie floss wieder innerhalb Deines Stresstoleranzfensters.

Traumastrudel und Shutdown im Lebensflussmodell

Stress kann aber so gross werden, dass der Gesamtorganismus des Menschen keine Lösung dafür findet und sich hilflos oder ohnmächtig der Situation gegenüber begreift. Das führt zu traumatischen Stress, der sich tief in die eigene Neurobiologie eingräbt.

Bei traumatischem Stress – also einer Situation, die uns total überflutet und hilflos zurücklässt – tritt unser Lebensfluss über die Ufergrenzen. Es sammelt sich so viel Wasser abseits des Flussbettes, dass dort ein richtiger Strudel entsteht – ein Traumastrudel (Begriff geprägt von Peter Levine), der eine enorme Sogkraft entwickelt.

In diesem Traumastrudel ausserhalb des Flussbettes bleibt viel Energie gefangen. Der Strudel ist ein Sinnbild für das Steckenbleiben in der Dynamik des Ereignisses, in all der mobilisierten Energie unserer Überlebensreaktionen. Unser Organismus bleibt in dieser Dynamik dauerhaft alarmiert, das Leben fühlt sich beängstigend und bedrohlich an und Regulation wie Entspannung oder erholsamer gelingt nicht mehr.

Im Unterschied zu normalen Stress-Situationen, in denen wir bei Gefahr Kampf oder Fluchtreaktionen mobilisieren und dann wieder in die Regulation, Balance zurückfinden, finden wir bei Trauma keine Kampf- oder Fluchtmöglichkeit, um uns zu regulieren.

Lebensflussmodell bei Stress und Trauma
Lebensflussmodell im Traumastrudel

Steigt unser Stresslevel immer weiter, beginnt sich die Situation als lebensgefährlich anzufühlen. Wir stecken also zu lange im Traumastrudel, ohne Kampf oder Fluchtmöglichkeit. Unser Nervensystem kennt auch eine Antwort auf diese lebensbedrohliche Situation: Nun stürzt unser Organismus stürzt in den (lebenserhaltenden) Shutdown. Diese körperliche Reaktion soll unseren Körper vor der tödlichen Überlastung schützen oder ihn auf den Tod vorbereiten. Unser Körper schützt uns nun durch Taubheit, Energielosigkeit und Emotionslosigkeit.

Aber auch dieser Traumastrudel im parasympathischen Teil unseres Nervensystems kann eine grosse Dynamik entwickeln. Wege aus depressiven Zuständen wie Burnout, Einsamkeit oder totale Erschöpfung, zurück in das lebendige Flussbett sind für die Betroffenen schwer zu finden.

Das Lebensflussmodell zeigt sehr plastisch, dass unser Lebensfluss auf beiden Seiten des Flussbettes über die Ufer treten kann. Solange die Ressourcenwirbel im Flussbett stark genug sind, das übergetretene Wasser wieder in das Flussbett zu ziehen, können wir als Organismus gut mit Stress umgehen.

Treten aber grosse Mengen Wasser über eine längere Zeit über ein Ufer, sind wir mit einer Strudel-Dynamik ausserhalb unserer gesunden Grenzen konfrontiert. Vielleicht kennst Du auch Menschen, die einen Verlust einer Person, eine Situation am Arbeitsplatz oder ein schweres Erlebnis aus der Vergangenheit in Dauerschleife mental immer wieder durchleben und den Weg heraus nicht mehr finden.

Die Nervensystemzustände im Lebensflussmodell

Lebensflussmodell bei Stress und Trauma
Empfindungen im Nervensystem erklärt mit dem Lebensflussmodell

Dieses Bild fasst nochmals zusammen wie wir uns fühlen, abhängig davon wo unsere Lebensenergie | unser Lebensfluss gerade fliesst.

Im Flussbett haben wir Zugriff auf kleine Ressourcenstrudel und empfinden wir das Leben als sicher, lebendig und Denken und Fühlen sind im Gleichgewicht.

Zieht «Gefahr» dauerhaft unser Wasser über das obere Flussufer, bleiben wir im Zustand von Anspannung, Getriebensein und Alarmiertheit gefangen. Dieser Zustand fühlt sich chaotisch an, viel gleichzeitig und er verbraucht viel Kampfenergie.

Dauert dieser Gefahrenmodus zu lange an, wird die Situation für den Organismus lebensbedrohlich und es kommt zum Shutdown. Im Modus «Lebensgefahr» sorgt unsere Neurobiologie für gedämpfte Sinne, innere Apathie und Taubheit und schaltet unser Denken und Fühlen ab.

In der Nervensystemarbeit ist es enorm wichtig, zu wissen, wo sich das eigene Nervensystem gerade im Lebensflussmodell befindet. Jeder Zustand hat seine eigene Qualität und spricht in einer bestimmten Sprache, die uns hilft, die Schutzreaktionen zu entschlüsseln.

In meiner Begleitung helfe ich Menschen wieder aus ihren Strudeln zurück in den Lebensfluss zu finden. Ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit neben Co-Regulation und Pendeln ist Ressourcenarbeit. In meinem Artikel «Die Kraft der Orientierung» findest Du eine wunderbare Ressourcenübung, die Du gerne in Deinen Alltag einbauen darfst, um mehr Regulation zu erfahren.

Hast Du Fragen? Hinterlasse sie mir gerne in meiner Kommentarsektion. Ich antworte Dir gerne!

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Autorenkasten Gertrud Angerer traumasensible Nervensystemarbeit nach Krebs

Autorenkasten

Gertrud Angerer (Brustkrebsdiagnose 2019) begleitet seit 2021 Frauen nach Brustkrebs online mit traumasensibler, körperorientierter Arbeit zur Regulation ihres Nervensystems. Schwerpunkte: Rückfallangst, erhöhte Wachsamkeit bei neuen Symptomen, Stressfaktoren im Alltag, Grübeln und Schlafstörungen. Sie ist zertifizierte NI-Coach für Neurosystemische Integration® (2024), Traumasensible NeuroEmbodiment Coach NESC® (2023) sowie Co-Active Coach (CTI, 2005). Auf ihrem Blog schreibt sie darüber, wie sich Nervensystem-Fehlalarme und chronische Stressmuster im Körper besser verstehen lassen, wie unangenehme Gefühle regulierbarer werden und wie sich eigene Reaktionen Schritt für Schritt abmildern lassen – um den eigenen Körper nach Krebs spürbar zu entlasten.

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