Neurozeption – ein wichtiger Leitbegriff, um die eigenen emotionalen Reaktionen zu verstehen und zu verändern

Was ist Neurozeption

geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Dr. Porges, der Schöpfer der Polyvagaltheorie, führte den Begriff Neurozeption ein. Neurozeption ist die Bezeichnung für die permanent unbewusst ablaufende Überwachungstätigkeit von Gehirn und Körper auf in der Umgebung und in den Organen wahrgenommene Sicherheits- oder Gefahrensignale. Unser inneres, autonomes Nervensystem versucht über wahrgenommene, bekannte Signale zu entscheiden, ob wir sicher oder in Gefahr sind. Dies passiert ständig und läuft ohne Involvierung unseres Verstandes ab. Dieses innere Überwachungssystem ist eines der Schlüsselprinzipien in der Polyvagaltheorie.

Neurozeption eine kurze Begriffsdefinition

Stephen Porges prägte diesen Begriff, um zu beschreiben, wie unser autonomes Nervensystem «Neuro» Sicherheits- und Gefahrensignale mit allen Sinnen wahrnimmt «[Per]zeption». Fühlen wir uns sicher, sehen wir die Welt voller Möglichkeiten, empfinden die Welt und andere Menschen freundlich und vertrauenswürdig. Bewertet unser System aber eine Situation als potenziell gefährlich oder unsicher, neigen wir zu Kampf-oder-Flucht-Verhalten, das unser sympathisches Nervensystem steuert oder falls wir etwas lebensbedrohlich wahrnehmen, zu einem dissoziativen Shutdown oder Kollaps, der dorsal-vagal gesteuert wird.

Der Prozess der neurozeptiven Überwachung läuft über drei Wahrnehmungsströme innerlich ab. Diese sind: der innere Wahrnehmungsstrom, der äussere sowie der interaktive Wahrnehmungsstrom.

Das innere Zuhören basiert auf den Abläufen im Körper wie Herzschlag, Atemrhythmus oder Muskelaktivität und fokussiert bei den Organen vor allem auf die in den Verdauungsablauf involvierte Aktivität.

Das äussere Zuhören konzentriert sich auf die physische Umgebung in der unmittelbaren Umgebung, dehnt aber den Radius aus auf die weiter gefasste Welt wie Nachbarschaft, das eigene Land oder die Welt.

Das interaktive Zuhören geschieht zwischen Nervensystemen – sowohl auf eins zu eins Basis, als auch bei Kontakten mit einer Gruppe oder mehreren Menschen.

Diese drei Ströme sind immer aktiv, laufen aber normalerweise unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle ab. Unsere persönliche Geschichte, wie wir denken, fühlen und handeln, beginnt immer mit dem neurozeptiven Überwachungsprogramm, das im Hintergrund Regie führt. Es steuert, ob wir uns eingeladen fühlen, soziale Kontakte mit Menschen, Orten und Erfahrungen zu suchen oder unser Bedürfnis nach sozialer Verbundenheit eintauschen gegen ein Schutzverhalten, das Kampf, Flucht oder Shutdown triggert.

Neurozeption: das innere Überwachungsprogramm des Nervensystems

Dieses Scannen auf Sicherheit | Unsicherheit passiert in unserem unbewussten, autonomen Nervensystem ständig. Dieses System involviert sowohl den Körper als auch das Gehirn und passiert sowohl «bottom up» (Körper an Gehirn) als auch «top down» (Gehirn an Körper). Der Körper dominiert in diesem System: 80 % der Signale und Empfindungen kommen dabei pro Sekunde aus unserem Körpersystem. Diese Signale werden an das Gehirn geliefert, das darauf die passenden Gedanken und Bilder liefert.

Die Entscheidungen, ob unser System in den Gefahrenmodus schaltet, basieren zu einem Grossteil auf unseren vergangenen Erfahrungen. In unserer Entwicklung ging es vor allem ums Überleben und weniger ums Glücklich sein. Das spiegelt unser autonomes Nervensystem noch heute und entscheidet ständig passierend auf bekannten Empfindungen, ob etwas gefährlich bzw. sicher für uns ist. Das ist nicht immer hilfreich: Denn was früher gefährlich war, muss heute nicht unbedingt auch gefährlich sein.

Persönliches Verhalten ist demzufolge nicht einfach spontan, sondern erklärt sich als ununterbrochene Regulation-Reaktion unseres Nervensystems auf Stress im Körper.

Unser vegetatives Nervensystem scannt aufgrund unserer Schablonen alle Eindrücke permanent auf Signale für Unsicherheit oder Sicherheit. Darum kannst Du Dir vorstellen, dass in unserem unbewussten, limbischen System wesentlich mehr Reaktionen ablaufen als unserem Verstand bewusst ist.

Von den ca. 2 Milliarden Informationen, die auf uns pro Sekunde einprasseln, nehmen wir unbewusst pro Sekunde 11 Millionen Informationen in unserem autonomen Nervensystem wahr. Das sind zum Beispiel Körpermerkmale, Gesichtsausdruck, Stimmlage, Töne, Farben, Temperatur usw. Unser Verstand verarbeitet davon nur ca. 60–80 Eindrücke pro Sekunde hingegen bewusst.

Wenn wir beginnen, unsere Aufmerksamkeit auf die ablaufenden neurozeptiven Prozesse zu lenken, rücken wir eine unterschwellig, unbewusst ablaufende Erfahrung in unsere Bewusstsein. Wir werden achtsam, was in uns abläuft und können beginnen, achtsam / bewusst unsere Gefühle, Gedanken und Handlungen zu wählen.

Unser ganzer Körper ist wie eine Bedrohungserkennungsmaschine

Was passiert, wenn ein Trigger unser unbewusstes Überwachungssystem reizt? Sofort ändert sich unser Herzschlag, unser Atem, unser Gesichtsausdruck und unsere Stimmlage … so schnell, dass wir es bewusst gar nicht wahrnehmen. Es ist Teil der Neurozeption unseres Körpers, die von etwas vermeintlich Bedrohlichem in der Umgebung getriggert wurde.

Manchmal registrieren Körper und Gehirn einer Person eine Bedrohung, obwohl die Person im betreffenden Augenblick vollkommen sicher ist. Das ganze kann auch umgekehrt ablaufen – jemand empfindet Sicherheit, obwohl er tatsächlich in Gefahr ist. Dieses Phänomen wird als gestörte Neurozeption bezeichnet und ist nach Auffassung des Schöpfers der Polyvagaltheorie Dr. Porges eine Hauptursache für problematisches Verhalten oder psychische Störungen.

Salopp ausgedrückt entspannen wir unser Leben, wenn wir diese seit Kindheit gelernte Neurozeption anfangen zu verändern. Frühere Erlebnisse, in denen wir uns hilflos, ausgeliefert oder überfordert fühlten, sind dort wie Schablonen abgespeichert.

Das Ziel ist nicht, nie getriggert zu werden. Das Ziel ist es, die Auslöser für Unsicherheit / Angst / Unruhe bewusst wahrzunehmen, damit wir uns selber in dieser Situation mehr Sicherheit / Ruhe und Zuversicht geben lernen. Damit verändern wir über die Zeit die Schablonen in unserem Nervensystem bzw. unsere Neurozeption dauerhaft für das, was uns stresst.

Verhält sich ein Mensch defensiv (indem er kämpft, flieht oder in den Shutdown Modus verfällt), hilft es sich vorzustellen, dass sein Körper gerade einen Prozess für das eigene Überleben gestartet hat – wie ein kleines Software Script. Manchmal ist die Bedrohung eine echte Bedrohung und manchmal ist sie nur ein Echo unserer Geschichte. Es ist nur Dein Körper, der „Bedrohung“ oder „Sicherheit“ sagt, und das Ziel ist es, zu versuchen, die Quelle der „Bedrohung | Sicherheit“ aufzuspüren und neu zu beurteilen.

Was verursacht eine zu starke oder zu schwache Neurozeption

Was ist die Ursache hinter zu starken oder zu schwachen Reaktionen auf Ereignisse in unserer Umgebung? Unbewusst, gespürte Sicherheit ist zentral, um die eigene Reaktion auf Ereignisse im Umfeld mit neuen Augen sehen zu lernen. Unser autonomes Nervensystem hat von Anbeginn unseres Lebens Signale gesammelt, um beurteilen zu können, ob eine Situation sicher oder unsicher für uns ist. Diese neurozeptive Wahrnehmungsprozesse finden immer statt und können nicht vom Verstand beeinflusst werden.

Es kann durchaus sein, dass Dein autonomes, unbewusste Nervensystem aus den 2 Milliarden Eindrücken, die pro Sekunde auf uns einprasseln, Signale der Unsicherheit wahrnimmt. Aber eventuell erzählt Dir Dein Verstand eine völlig andere Geschichte – denn im bewussten Teil Deines Gehirns kommen nur 0.0000000005 % aller wahrgenommenen Eindrücke auch an.

Was ist Neurozeption
Die gute Nachricht: Deine erlernte Neurozeption lässt sich verändern, indem Du beginnst und lernst, Deinen Körper im Jetzt wahrzunehmen und zu spüren.

Evolutionsbedingt überschreibt unser Körper immer unseren Verstand – das sicherte unser Überleben. Daher ist es so zentral, dass wir lernen, unsere erworbene Neurozeption in Richtung mehr gespürte Sicherheit im Moment zu verändern.

Wenn wir eine unangenehme Neurezeption-Reaktion haben, ist es unser Ziel, unserem Körper zu helfen, zu wissen, was gefährlich IST und was „früher“ gefährlich war.

Du konntest sicher schon ein paar Mal in Deiner Familie oder Partnerschaft beobachten, wie eine Person von einem Augenblick zum nächsten von total entspannt und normal zu völlig aufgelöst wurde? Auch eine Angstattacke ist tief beeinflusst von der persönlichen Neurozeption.

Oder kannst Du selber beobachten, dass Dein ganzer Körper reagiert, wenn eine Person ein bestimmten Gesichtsausdruck bekommt?

Als Erstes mach Dir bewusst, dass Dein Gegenüber nicht einmal wissen muss, dass sie dieses Gesicht macht oder sich bewusst entschieden hat diesen Gesichtsausdruck aufzusetzen. Aber die
Neurozeption ihres Körpers, hat gerade etwas Bedrohliches in der Umgebung wahrgenommen und reagiert via Gesichtsausdruck und Tonfall wie im Autopilot. Und genau dasselbe passiert Dir, wenn Dich ihr Gesichtsausdruck triggert.

Neurozeption bewusst verändern lernen

Genau diese Autopilot-Reaktionen auf echte oder vermeintliche Gefahr kannst Du mit der Arbeit an Deinem Nervensystem verändern.

Denn oft werden die Dinge, die wir unser Leben verbessern wollen, ungewollt von der Neurozeption unseres Körpers blockiert. Indem wir bewusster wahrnehmen, was in unserem Körper gerade passiert, lernen wir bewusster auf Auslöser im Aussen zu reagieren.

Anstatt vor unseren Gefühlen und unserer neuronalen Wahrnehmung von Gefahren (Neurozeption) davonzulaufen, ist es hilfreicher, diese mit einer Empfindung im eigenen Körper zu assoziieren.

Sei einfach neugierig … was spüre ich im Körper und was ist gerade so bedrohlich für meinen Körper?
Es ist wichtig, dass Du die Reaktionen und Empfindungen im Körper einfach beobachtest und annimmst ohne sie zu verurteilen.
Denn alte Verletzungen und Minitraumata in unserer Geschichte führten über die Jahre zu einer für uns nicht mehr hilfreichen Neurozeption. Vielleicht fühlst Du Dich schnell angegriffen oder Unsicherheit im Aussen beantwortest Du mit Hyperaktivität. Dies geschieht, wenn etwas, das KEINE Bedrohung IST, von unserer Neurozeption als Bedrohung wahrgenommen wird.

Du kannst Dein autonomes Programm nicht willentlich beeinflussen, aber Du kannst die Reaktionen Deines Körpers auf seine getroffenen Bewertungen beeinflussen. Durch Deine Aufmerksamkeit, was Du gerade im Körper wahrnimmst, rückst Du die unterbewussten, neurozeptiven Prozesse ins Bewusstsein. Indem Du diese körperlichen Empfindungen bewusst zur Kenntnis nimmst und beobachtest, welcher Zustand sich dabei manifestiert, arbeitest Du mit Deiner Neurozeption. Wenn Du diese Reise auf dem Pfad der Achtsamkeit antrittst, verbindest Du Dich mit Deinen Gefühlen, Gedanken und Überzeugungen und somit Deiner persönlichen Lebensgeschichte, mit der Du durch den Alltag gehst.

Durch diese Bewusstwerden, was Dein Körper aka Dein Nervensystem spürt und empfindet, beginnt sich Dein antrainierte Neurozeption Richtung mehr Sicherheit hin zu verschieben. Durch diese bewusste Verbindung mit dem Körper und seinen Empfindungen kommt mehr Sicherheitsgefühl in Dein System. Dieser Zustand, sich innerlich sicher und verbunden zu fühlen, wird auch als ventral-vagal bezeichnet.

Auswirkungen einer verbesserten Neurozeption

Eine verbesserten Neurozeption (wenn unser Nervensystem weniger Bedrohung im Alltag wahrnimmt) hilft entspannter Erfolg im Beruf aber auch Erfüllung im Leben zu finden.

Bei meiner Krebserkrankung wollte ich meine Art dauernd gestresst zu sein und immer viel zu viel gleichzeitig zu machen verändern. Das konnte ich aber nur, in dem ich nicht mehr Schuldgefühle oder Versagensängste bekam, sobald eine Situation im Aussen ausser Kontrolle geriet.

Ich lernte meine eigenen Muster loszulassen oder zu heilen, in dem ich mir Zeit und Raum schenkte zu spüren, was in mir vorging, ohne sofort gewohnt zu reagieren. Ich spürte die Wut, Trauer über meine Biografie und lernte gleichzeitig, wie ich meine Vergangenheit umarmen konnte und damit loslassen (ich nenne es neutralisieren, da die Erfahrung bzw. das Erlebnis noch da ist, aber ohne Stachel). Ich übte Achtsamkeit mir gegenüber und wurde jeden Tag ein Stück bewusster und aufmerksamer mir selber gegenüber.

Ich nahm mir Zeit für Atemübungen, die dem Körper Sicherheit signalisieren und ich verbrachte viel Zeit bewusst mit Übungen, die die Herz-Hirn Synchronisation stärken. Durch diese Arbeit hinzuspüren und mehr im Moment Sicherheit zu spüren, veränderte sich meine persönliche Neurozeption. Ich vertraue dem Leben und anderen Menschen mehr, ich kann Ablehnung besser aushalten und habe auch nicht mehr ständig das Gefühl, von Problemen umzingelt zu sein und alleine jedes Problem lösen zu müssen.

Die Arbeit mit dem Nervensystem ist sehr tiefgreifend verändernd


Je besser (oder weniger von der Vergangenheit geprägt) Deine Neurozeption ist, desto sicherer fühlst Du Dich im Leben und im Alltag. Du beginnst auf Deine unbewussten Reaktionen im Alltag mehr zu achten, Du bringst Bewusstsein in Deine Empfindungen, Gefühle, Überzeugungen, Verhaltensweisen und damit letztlich auch in Deine Geschichte. Du spürst, ob Du Dich gerade sicher verankert im Leben fühlst oder bemerkst, dass Du gerade überfordert bist und nimmst Dir Zeit, sichere Anker im Jetzt zu suchen.

Eines konnte auch die Neurowissenschaft immer wieder belegen: Je sicherer Du Dich fühlst, desto erfüllender wird Dein Leben. Ein flexibles Nervensystem ist ein Nervensystem, das soviel Sicherheitssignale jederzeit abrufen kann, damit es geschmeidig zwischen Aktivierung und Entspannung hin und her wechseln kann. Die Reise auf dem Pfad der Nervensystem Regulierung mit sehr vielen Übungen findest Du bei Deb Dana, einer Expertin für Nervensystemarbeit. Ihre Arbeit findest Du hier übersichtlich, wenn auch auf Englisch.

Ein autonomes Nervensystem, das sich mit Geschmeidigkeit Co-regulieren und selbst-regulieren lernt, schafft die Basis für ein Leben, das weniger unser Schutzbedürfnis verkörpert, sondern mehr die Freude an der Verbindung mit dem Leben und den Menschen, die uns begegnen.

Das wünsche ich Dir.

Deine Gertrud

PS: Eine einfache Gewohnheit im Alltag, um Deine Neurozeption langfristig weniger von Deiner Vergangenheit, sondern wesentlich mehr vom gegenwärtigen Augenblick beeinflussen zu lassen, ist Dankbarkeit. In meinem Booklet für 0 EUR findest Du viele Tipps, um Dankbarkeit im Alltag besser zu verankern.

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Gertrud Angerer (Brustkrebsdiagnose 2019) begleitet seit 2021 Frauen nach Brustkrebs online mit traumasensibler, körperorientierter Arbeit zur Regulation ihres Nervensystems. Schwerpunkte: Rückfallangst, erhöhte Wachsamkeit bei neuen Symptomen, Stressfaktoren im Alltag, Grübeln und Schlafstörungen. Sie ist zertifizierte NI-Coach für Neurosystemische Integration® (2024), Traumasensible NeuroEmbodiment Coach NESC® (2023) sowie Co-Active Coach (CTI, 2005). Auf ihrem Blog schreibt sie darüber, wie sich Nervensystem-Fehlalarme und chronische Stressmuster im Körper besser verstehen lassen, wie unangenehme Gefühle regulierbarer werden und wie sich eigene Reaktionen Schritt für Schritt abmildern lassen – um den eigenen Körper nach Krebs spürbar zu entlasten.

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