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Mein Tag begann wie immer früh, der Blick aus dem Fenster bestätigte den Eindruck im dunklen Zimmer. Es regnete und die Wolken hängen tief. Rasch runter, Frühstück machen für die Jungs, von denen die zwei jüngsten heute noch zwei Stunden am Morgen in die Schule gehen. Es ist der Tag, an dem mein Schwiegervater begraben wird und daher geht weder mein Mann arbeiten noch mein Teenager in die Schule.
Der Jüngste nutzt die Gunst der Stunde und bittet Mama, ihn und seinen Freund in die Schule zu fahren. Okay denke ich, das ist gleich ein guter Anlass, selber meine 15 Minuten Schwimmen doch in den Tag hineinzubringen.

In der Zwischenzeit habe ich mich auch erinnert, dass ich meinen Alltag in Bildern festhalten wollte, um meinen 12 von 12 Blogpost zum Jahresanfang zu schreiben🤷🏻♀️🤪. Ich bin froh, hab ich meine neue Bewegungsroutine schon im Oktober begonnen. Jetzt am Jahresanfang wäre es mir zu hektisch, um ohne Druck 3–4 x die Woche 15 Minuten kraulen in meine Woche zu packen. Aber nun 10 Wochen später ist meine Schwimmroutine schon fast Alltag.

Mein grösstes Problem ist Zeit ohne mehr Stress in meinen Alltag hineinzubringen. Indem ich schon im Badeanzug ins Schwimmbad husche und dort auch nur schwimme ohne grossen Kabinenfirlefanz, schaffe ich es, morgens ziemlich regelmässig meine Kraul-Runden zu drehen. Meine Kinder wollten nur, dass ich nicht dort schwimme, wo mich jemand, den sie kennen, erkennen können. Das ist kein Problem, ich mag das Schwimmbad in Adliswil sowieso lieber als das, wo ihre Schule schwimmen geht. 😂.

Der Ort heisst «Aussichtsbänkli» und ist wirklich unglaublich weitsichtig. Wie ich diesen Blick auf den See und die Berge liebe. Im Bademantel steige ich heute nicht aus, aber ich nehm mir 3 Minuten Zeit, hier zu sitzen, zu staunen und bewusst zu feiern, wie ich lebe und wohne. Der Sonnenaufgang über dem See ist zu jeder Jahreszeit ein Spektakel für meine Seele.

Die Jungs werden grösser, aber ich hab wenig Zeit und husche rasch Richtung Bad, um zu duschen, meine Haare zu föhnen und mich anzuziehen. Um 9:15 muss ich zur Mammografie in der Stadt sein.

Heute ist fast auf den Tag genau der 4ten Jahrestag meiner Krebsdiagnose. Ich schaffte diese 4 Jahre ohne weitere Krebsherde. Nun bin ich bald am Ende dieser magischen fünf Jahre ohne Krebs der Schulmedizin. Ich selbst habe viel mehr Vertrauen in meinen Körper und meine Gesundheit erreicht, aber trotzdem ist es immer auch ein kleines Feiern, wenn die Bilder im Ultraschall und im Röntgen keine Unregelmässigkeiten oder Befunde zeigen.

Statt sofort nach Hause zu fahren, nehm ich mir Zeit, dieses Untersuchungsergebnis kurz zu zelebrieren. Aber diese halbe Stunde wurde zu Hause bereits registriert. Der 10-Jährige meldet sich bereits per Telefon, wo ich bleibe. Er durfte, wegen des Begräbnisses, schon in der grossen Pause nach Hause. Aber Mama wartete nicht zu Hause auf ihn und von daher, klärte er rasch telefonisch, ob Mama am Mars landete oder noch in seiner Nähe zu finden ist.

Wäre ich ohne Kinder, würde ich wenig zum Essen brauchen, bevor wir am Nachmittag beim Leichenschmaus im Gasthof versorgt werden. Aber ohne grosses Mittagessen sind meine Jungs nicht ausgeglichen, ich muss also auch heute gross zu Mittag kochen. Heute koche ich einfach etwas früher als sonst, wegen des Begräbnisses sitzen alle schon vor 12 um den Tisch und essen.
Heute ist wirklich alles eng getaktet. Während der Backofen das Mittagessen übernimmt, nehm ich mir Zeit meine Mailbox kurz abzuarbeiten. Das wichtigste ist mein Entschluss, meine Leidenschaft Nervensystem Regulation nicht als Hobby enden zu lassen.

Meine Kinder witzeln schon lange, ob sie schon was bei mir buchen könnten. Ich vermeide konkrete Angebote wirklich systematisch. Aber das gehe ich im 2023 an! Niemanden ist geholfen, wenn ich mein Wissen hobbymässig statt professionell als Expertise und Service in die Welt trage.
Danach ist Löwenfütterung angesagt. Die Jungs sind definitiv ausgeglichener, wenn sie satt sind. Aber viel Zeit bleibt nicht! Höchste Eisenbahn, um alle für das Begräbnis umzuziehen. Wir haben immerhin 40 Minuten Anreise und die Urnenbeisetzung ist schon um 13:30 geplant.

Meine Kinder meinen treffend, dass das Wetter wirklich zum Anlass passt. Obwohl der Vater meines Mannes schon zwei Jahre schwer krank war, war sein Tod dann doch überraschend. Seine Urnenbeisetzung war gut besucht und alle nahmen sich Zeit anzustossen und sich zu erinnern. Meinen Schwiegervater hätte das auf alle Fälle gefallen. Er organisierte auch seinen Abschiedsapero als es Zeit war, die Palliativpflege einzuschalten.

Es kommen viele Freunde und Verwandte aus allen Landesteilen, sogar der Cousin meines Mannes aus dem Wallis reiste an oder Freunde aus dem Appenzell. Die engere Familie reden bis nach 20 Uhr an diesem Tag. Doch ich packe meine Kinder gegen 18 Uhr ins Auto. Sie sind langsam zu müde und finden die Gespräche der Erwachsenen nur noch langweilig.

Es regnet weiterhin in Strömen, aber ich komme ohne grosse Staus durch den Abendverkehr um Zürich und Uster nach Hause. Die Kinder sind schon wieder hungrig 🙈. Ich muss also nochmals nachdenken, was ich ihnen kochen kann. Nachdem ich alles verräumt und die Kinder noch etwas gespielt hatten, habe ich Zeit mich mal kurz hinzusetzen und mein Sofa zu geniessen.

Ich bringe noch rasch die Jungs ins Bett, mach mir einen Tee und schaue eine Netflix Serie. Heute habe ich weder Lust etwas zu lesen noch ein Glas Wein zu trinken. Ich bin müde von diesem Tag, der voller bewegender, kleiner und grosser Anfänge und Enden war.
Liebe Grüsse
Deine Gertrud
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Unperfekt ist Queen | Ich.Bin.Genug
authentisch Leben, Embodiment, Transformation
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PS: Als ich nun am nächsten Tag meine Bilder verbloggte und den Post auch bei Caro von Draussen mit Kännchen verlinkte, wurde ich stutzig. Erst 10 Menschen, die am 12. Januar mit bloggten? Das kam mir sehr seltsam vor, was war denn los? Es liess mir keine Ruhe, bis ich genauer auf meinem Computer das Datumsfeld registrierte. 🙈 Ich hatte mich im Datum geirrt – es war der 11. Januar, den ich mit 12 Bildern dokumentierte. Es dauerte also mehr als 24 Stunden bis ich überhaupt realisierte, dass mein Mittwoch, nicht der 12. Januar, sondern der 11. Januar war. Es war also definitiv einiges los – auch in meinem Kopf. Aber löschen möchte ich jetzt diesem Post auch nicht – er war zu bedeutsam, um ihn einfach zu löschen. Geistig war gestern – wie es ausschaut – der 12.1.23 in meiner Welt. Ich habe also heute meinen zweiten 12.1.23 – ich spiele jetzt also ein bisschen «und immer grüsst das Murmeltier». 🤯😅