Anzeichen und Auswirkungen eines dysregulierten Nervensystem

Anzeichen für ein dysreguliertes Nervensystem

geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Was sind die Anzeichen eines dysregulierten Nervensystems und warum entsteht es? Die Anzeichen für unsere eigene Dysregulation sind oft subtil. Meistens spüren wir uns im Kopf besser als im Rest des Körpers. Wir spalten den Körper sehr oft lieber ab, als ihn wahrzunehmen. Dieses Abspalten fördert die Dysbalance im eigenen Nervensystem, was wir über kurz oder lang durch körperliche Symptome mitgeteilt bekommen.

Seit Urzeiten sorgt unser autonomes Nervensystem dafür, dass wir auf Gefahr blitzschnell reagieren können. Es stellt sicher, dass wir im Anblick des Säbelzahntiger flüchten, mit ihm kämpfen oder uns tot stellen können. Diese Aufgabe übernimmt unser vegetatives Nervensystem weiterhin – auch wenn wir nicht mehr vor dem Säbelzahntiger stehen, sondern vielleicht nur einen Abgabetermin einer Präsentation vor uns haben. Unser Körper reagiert aber genau gleich: Er sendet das Blut in die Muskeln und aus dem Frontallappen, unser Atmen wird schnell und flach, unser Puls steigt, Stresshormone werden ausgeschüttet – alles, damit wir so schnell wie möglich rennen oder blitzschnell kämpfen können.

Ob wir unser Leben als sicher, unterstützend und voller Möglichkeiten erleben, hängt stark vom Zustand unseres autonomen Nervensystems ab. Unser Nervensystem beeinflusst, wie wir auf Erlebnisse reagieren, wie wir uns im Alltag bei Herausforderungen verhalten und welche Handlungsoptionen wir sehen.

Woher kommt der Begriff dysreguliertes Nervensystem

Unser Nervensystem nimmt Informationen auf und leitet darauf passierend Reaktionen ein, um uns sicher zu halten und unser Überleben zu sichern. Diese zentrale Aufgabe übernimmt das Nervensystem sowohl in normalen Alltagssituationen als auch in aussergewöhnlichen Herausforderungen.

Es war Stephan Porges, der in den 90er Jahren, mithilfe der Polyvagaltheorie, den Einfluss des autonomen Nervensystems auf das persönliche Erleben von Sicherheit und Verbundenheit erforschte.

Unser Nervensystem verarbeitet pro Sekunde 60 Mio. Informationsstückchen und entscheidet aufgrund gespeicherter Erlebnisse, was es als gefährlich beurteilt und wie es reagiert – mit Kampf, mit Flucht oder mit Erstarren. Diese unbewusst ablaufende Informationsverarbeitung des autonomen Nervensystems nennt S. Porges Neurozeption.

Unser stressiges, modernes Leben katapultiert die meisten Nervensysteme in einen Überlebens-Zustand, als ständen wir vor dem sprichwörtlichen Säbelzahntiger, ohne dass es regelmässig auch wieder in die Entspannung und Sicherheit gelangt. Viele von uns bleiben in diesem Überlebensstress stecken. Dieser Dauerzustand fühlt sich je länger, desto mehr «normal» an, die meisten Menschen sind überrascht, wenn ihr Körper schlapp macht.

Ein im Überlebenskampf feststeckender Mensch wird ausserdem noch durch eine fehlgeleitete Neurozeption im Kampf-Fluchtmodus bestärkt. Sein Nervensystem sucht in der Umgebung dauernd Bestätigung für den eigenen Kampf-Fluchtmodus und findet immer weitere Signalen für Unsicherheit und Gefahr.

Unser Zustand des Nervensystems definiert also vorhersehbar, wie wir im Alltag auf Erlebnisse reagieren.

Anzeichen für ein dysreguliertes Nervensystem
Anzeichen dysreguliertes Nervensystem

Vorteile eines regulierten Nervensystems

Unser Nervensystem kann reguliert oder dysreguliert sein. Menschen mit einem regulierten Nervensystem empfinden die Welt als sicher, voller Möglichkeiten und erleben die Verbindung mit anderen Menschen und der Umwelt als angenehm. Während des Alltags wechseln sich Anspannung mit Erholung, positive mit negativen Emotionen und Verbindung mit Rückzug vollkommen angemessen und ohne innere Widerstände ab.

Wir sind im Flow, wie wir heute diesen Zustand gerne beschreiben. Die eigenen Bedürfnisse werden klar wahrgenommen und lassen sich ohne Stress nach aussen kommunizieren und befriedigen.

So weit der Idealzustand. Die meisten Menschen verharren aber im Alltag irgendwo zwischen Dauerkampf, Abwehrhaltung, Resignation und Erschöpfung. Um mit dem eigenen Nervensystem arbeiten zu können, müssen wir zuerst Anzeichen für ein dysreguliertes Nervensystem erkennen lernen.

Anzeichen für ein dysreguliertes Nervensystems

💬 Du sprichst schnell und viel sprechen und erklärst Dich dauernd

🏃🏽‍♀️ Du hetzt mehr als Du gehst und bist immer am Sprung

🍴Du isst hastig, ohne Luft zu holen

🧠 dauerndes Multitasking, 1000 Dinge gleichzeitig zu erledigen

📍Andere sind Dir viel zu langsam und strapazieren Deine Geduld

😡 Du bist schnell genervt von Deiner Umwelt, alles ist «entweder- oder»

🗓️ es fällt Dir schwer, Pausen zu machen

🛏 Du schläfst schlecht und bist ständig am Nachdenken

😳 Du fühlst Dich oft unsicher oder überwältigt von dem, was im Leben passiert

🧐 Du hast wenig Vertrauen in andere und machst lieber alles selber

Es gibt noch viele weitere Anzeichen für ein dysreguliertes Nervensystem. Wir erkennen dies am besten während einer Krise oder Herausforderung, in denen wir oft mit dem konfrontiert werden, womit wir nicht zufrieden sind oder uns ausgeliefert bzw. hilflos fühlen. Wir fühlen uns verletzt, nehmen uns als versehrt oder nicht mehr als vollständig wahr.

  • Wir werden von unseren Emotionen übermannt, es scheint als würden diese Emotionen uns kontrollieren
  • Wir lehnen eigene Anteile und Verhaltensweisen ab und versuchen sie zu unterdrücken, was enorm viel Energie kostet und uns unfrei macht
  • Wir haben wenig Bezug zum Hier und Jetzt dafür ständig dabei der Vergangenheit nachzuhängen oder über die Zukunft zu sinnieren.
  • Wir sind verkopft und wenig Zugang zu den eigenen Gefühlen
  • Neigung zu Selbstsabotage und grundlegend pessimistisch über Chancen und die Welt gestimmt
  • Wir haben das Gefühl, als würde etwas im Leben fehlen, als müsste es da noch mehr geben, was erfüllt und Sinn verleiht.


Was bedeutet ein dysreguliertes Nervensystem?

Unser inneres Erleben empfindet im Alltag keine Wellen mehr von Anspannung und Entspannung, sondern verharrt entweder in der Anspannung oder im Shutdown. Dieses Verharren lässt sich an den im Blutkreislauf zirkulierenden Botenstoffen und Hormonen (Cortisol, Adrenalin usw.), aber auch in unseren Hirnwellen (Betawellen) messen. In Dauerschleife erschöpft dieses Verharren im Alarmzustand nicht nur unsere Nebennieren und Verdauung, sondern auch unser Immunsystem und unsere Energie. 

Anzeichen dysreguliertes Nervensystem
Bewusst spüren lernen – die Füsse im kalten Wasser, das Glitzern des Wassers wahrnehmen – all dies verbindet uns wieder mit dem Hier und Jetzt

Konkret bedeutet ein «dysreguliertes Nervensystem», dass unser Nervensystem ständig eine Gefahr wahrnimmt, und im Daueralarm Zustand hängen bleibt. Durch die Daueraktivierung des vegetativen Nervensystems kann es zu innerer Unruhe, Herzrasen, Atembeschwerden, Schwitzen, Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit oder Schlafstörungen kommen, welche auch nach Wegfall der Gefahr nicht mehr abklingen.

Wichtig dabei zu wissen ist: Unser Nervensystem glaubt oft nur eine Gefahr wahrzunehmen – aber meistens sind es Erinnerungen aus der Vergangenheit oder Sorgen über die Zukunft.

Dieser dysregulierte Zustand unseres autonomen Nervensystems wird immer besser erforscht und mit traumatisierenden im Sinne «überfordernder»Erlebnissen in unserer Vergangenheit | Kindheit in Verbindung gesetzt. 

In unserer heutigen Gesellschaft leben die meisten Menschen im Kopf, wir zelebrieren unseren analytischen Verstand und sind froh, wenn wir unseren Körper nicht spüren. 

Viele von uns spüren unterhalb des Halses relativ wenig vom Körper während eines normalen Tages. Den Körper spüren wir, wenn er weh tut. Kein Wunder hat unser effiziente, leistungsorientierter Lebensstil Stresskrankheiten zu einem Hoch verholfen. 

Im Alltag versuchen wir so viel wie möglich gleichzeitig zu balancieren, wir möchten allen gerecht werden – den Kindern, dem Haushalt, der Umwelt, dem Beruf – und die geforderte «Me-Time» schwingt als Anspruch im Hintergrund als schlechtes Gewissen dauernd mit. Unsere Gedanken sind fokussiert, kreisen um Lösungen und warum und wie Fragen, in der Absicht uns noch ein bisschen mehr Richtung perfekter Lösung zu bringen. In diesem Zustand spüren wir unseren Körper und unsere Grenzen wesentlich schlechter, was es noch schwieriger macht aus dem Alarmzustand im Nervensystem auszusteigen. 

Wie reguliert sich ein dysreguliertes Nervensystem?

Im Umgang mit einem dysregulierten | Dauer gestressten Nervensystem verfallen wir oft dem Fehler, die Lösung zu sehr mit dem analytischen Verstand anzugehen. Wir wollen die Ursachen und Zusammenhänge verstehen, anstatt den dahinter liegenden Gefühlen Raum zu geben.

In der Arbeit mit dem Nervensystem kommt es daher enorm darauf an, nicht im Kopf zu beginnen, sondern sprichwörtlich bei den Füssen und somit Deinem Körper. Ziel ist es, das un-integrierte Thema nicht vom Verstand her zu begreifen, sondern wieder in die Wahrnehmung des eigenen Erleben, aber auch in die eigene Unversehrtheit wieder einzutauchen.

Dein Nervensystem regulieren lernen heisst auch Dich selber spüren zu lernen, was in einem ersten Schritt damit beginnt, den jetzigen Augenblick bewusst wahrzunehmen: Was höre ich gerade, was sehe ich gerade?  Am besten immer wieder ein paar Momente nur einen einzigen Sinn bewusst nutzen. Damit bekommst Du langsam wieder ein Gespür für das Hier und Jetzt.

Dein Nervensystem reguliert sich über Deine Körperwahrnehmungen – deswegen ist es so wichtig, wieder ins Spüren zu kommen. Einfach ganz simple, einfach mal einfach hören, was ich gerade höre, die Füsse spüren oder bewusst atmen.

Präsent werden, mit sich selber und der Umgebung verbunden fühlen – das sind so wichtige Dinge, die Du auch im hektischen Alltag bewusst einbauen kannst, um Dir selber gutzutun. 

Es ist so wichtig, dass wir lernen, auch die schwierigen Situationen im Leben annehmen zu können und uns gleichzeitig lernen zu unterstützen, ohne uns zu verurteilen oder zu flüchten. 

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Liebe Grüsse, Deine Gertrud

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